Computerspielsucht: Was tun, wenn Zocken zur Abhängigkeit wird?

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Aggression, Verwahrlosung und Isolation, dass sind die Folgen massiver Computerspielsucht. Was Onlinegames so reizvoll macht, wie Sie Alarmzeichen erkennen und wo Sie Hilfe bekommen.

Computerspielsucht: Was tun, wenn Zocken zur Abhängigkeit wird?


Das momentane, heftige verbale Gefecht zwischen dem Spielelobbyisten Martin Lorber (EA Games) und dem Suchttherapeuten Klaus Wölfing (Uniklinik Mainz) bringt hunderte Onlinegamer auf die Palme. In der aktuellen Ausgabe von DER SPIEGEL (07/2014), plädiert der Psychologe nämlich für die Einführung einer Sondersteuer auf süchtigmachende Onlinespiele, um damit entsprechende Therapiemaßnahmen finanzieren zu können. (Artikelauszug hier lesen). Ob diese Steuer wirklich notwendig ist, bleibt diskutierbar. Der Experte geht jedenfalls von 50.000 bis 100.000 Computerspielsüchtigen in Deutschland aus.

Sogenannte Arcadegames, die in den 1970er Jahren noch zum Zeitvertreib dienten, sind längst durch virtuelle Strategiespiele abgelöst worden. Mit Tetris und Pacman, lockt man die heutige Jugend nicht mehr hinter dem Ofen hervor. Das wissen auch die Macher solcher Onlinegames, welche sich immer aufwendigere Spieltaktiken einfallen lassen, die den Spieler vor allem eines kosten: Zeit.



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Was macht Onlinegames so reizvoll?

Bei einem Großteil der Onlinespiele geht es darum, gegen echte Gegner anzutreten. Man begibt sich quasi in einen Wettbewerb, der Ehrgeiz der Beste zu sein steigt. Jugendliche (aber auch Erwachsene), die im realen Leben kaum Chancen haben sich zu beweisen, bekommen im Spiel Bestätigung. Das Selbstbewusstsein, welches sonst auf der Strecke bleibt, wächst mit jedem geschafften Level. Um den Spieler bei Laune zu halten, gibt es immer wieder „kleine Belohnungen“. Er hat also das Gefühl, er muss etwas tun um sich dieses virtuelle Geschenk zu verdienen. Der Reiz ist so groß, dass diese Aufgabe am besten sofort erledigt wird. Und so beginnt ein Kreislauf, denn aus anfänglichen 30 Minuten Spielzeit werden plötzlich Stunden, sehr viele Stunden!

➩ Freunde finden per Mausklick

Ein weiterer, nicht unerheblicher Grund für die Beliebtheit von Onlinespielen, ist der soziale Aspekt. Da es sich um reale Mitspieler handelt, gibt es in vielen Games die Möglichkeit Communitys zu bilden. So baut sich der Spieler binnen kürzester Zeit einen virtuellen Freundeskreis auf, den er selbst steuern kann. Wird ein Freund unliebsam, genügt ein Klick und alle seine Nachrichten werden einfach ignoriert. Realistisch betrachtet, finden sich also in den seltensten Fällen echte Freundschaften. Das einzige was steigt, ist die Sucht mehr Leute kennen zu lernen. Was im realen Leben mühsam aufgebaut werden muss, funktioniert hier in Sekunden.

Aufschlussreiche Reportage über Computerspielsucht

Erfahrungsberichte von Betroffenen, Eltern und Ärzten

Computerspielsucht Symptome

➩ Alarmzeichen rechtzeitig erkennen

Computerspielsucht ist keine schlechte Angewohnheit, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung. Wer also den Eindruck hat, er könnte betroffen sein, sollte sich selbst testen. Da die Einsicht, gerade bei Kindern und Jugendlichen, aber nur selten vorhanden ist, sind Eltern in der Pflicht, genau zu beobachten wann aus dem anfänglichen Spielspaß des Sprösslings pure Abhängigkeit wird.

Der Spieler:

  • spielt stundenlang (Dosissteigerung)
  • kann das Spiel nur schwer oder gar nicht unterbrechen
  • fühlt sich unter Druck, immer wieder spielen zu müssen (Wiederholungszwang)
  • vernachlässigt andere Hobbys und Interessen
  • geht zu spät zur Schule / Arbeit oder gar nicht mehr
  • schläft zu wenig
  • ändert sein Essverhalten
  • vernachlässigt sein Äußeres und die tägliche Hygiene
  • langweilt sich, wenn er nicht spielt
  • ist sofort gereizt, wenn man ihn beim Spielen unterbricht
  • zieht sich aus seinem Freundeskreis zurück
  • reagiert aggressiv auf die Familie
  • kann sich nicht mehr richtig konzentrieren
  • leidet unter Stimmungsschwankungen

Folgen der Computerspielsucht

Das ein derart exzessives Spielverhalten nicht ohne Folgen bleibt, sollte jetzt niemanden mehr überraschen. Der Spieler macht sich selbst etwas vor, indem er das Spiel zum Abbau von Stress oder zum Bewältigen von Enttäuschungen benutzt.

➩ Gesundheitliche Folgen

Computerspielsucht - gesundheitliche FolgenDie gesundheitlichen Folgen können von Eltern gut erkannt werden, wenn sie den Spielsüchtigen genauestens beobachten. Sehr häufig stellt sich ein Gewichtsverlust ein, da gesundes und regelmäßiges Essen unwichtig wird. Aber auch das Gegenteil kann die Folge sein, wenn die Mahlzeiten (meist Fastfood) direkt am Rechner eingenommen werden und die sportliche Bewegung gleich Null ist. Ebenso kommt es zu Schlafstörungen, weil sich die Spieldauer stetig erhöht und keine vernünftige Relation zwischen Tag und Nacht mehr besteht. Hinzu kommen Sehstörungen, Kopfschmerzen und Rückenprobleme, ausgelöst durch das andauernde Sitzen. Wird der Spielfreak aus seinem Spiel gerissen und muss dies für einige Zeit unterbrechen, stellen sich typische Entzugserscheinungen wie Zittern und Schweißausbrüche ein.

➩ Gesellschaftliche und familiäre Folgen

Computerspielsucht - Gesellschaftliche FolgenEs ist aber nicht nur der Abhängige selbst, der die Folgen seiner Sucht zu spüren bekommt. Familie und Umfeld sind gleichermaßen betroffen und spüren dies durch Isolation des Spielsüchtigen. Hausaufgaben und schulische Anforderungen werden vernachlässigt, was zu Leistungsabfall und Versagensängsten führt. Eltern schämen sich häufig und versuchen die Computerspielsucht zu vertuschen.

➩ Psychische Folgen

Computerspielsucht - psychische FolgenStundenlanges Zocken geht auch an der Psyche nicht spurlos vorbei. Der Unterschied zwischen realer und virtueller Welt verschwimmt immer mehr. Zum einen wollen Betroffene dem Druck, der innerhalb des Spiels ausgelöst wird standhalten, zum anderen auch den Anforderungen von Familie und Freunden gerecht werden. Diese seelische Belastung wird zur Zerreißprobe.

Hilfe suchen und Therapiemöglichkeiten annehmen

Leider ist es nur selten der Fall, das jugendliche Spielsüchtige einsehen, in welcher Gefahr sie sich befinden. Meist müssen Eltern dann die Initiative ergreifen, um dem Kind zu helfen. Schwierig ist dies besonders dann, wenn sich der Nachwuchs gerade im fließenden Übergang vom Kindsein zum Erwachsenwerden befindet (15 – 18 Jahre). Unverständnis über die mahnenden Worte der Eltern sind dabei an der Tagesordnung, welches auch mit aggressiven Äußerungen und Handlungen deutlich gemacht wird. Auch wenn das emotional sehr verletzend ist, sollten Sie konsequent bleiben und schnellstmöglich Hilfe suchen.


Computerspielsucht: Lassen Sie es erst gar nicht so weit kommen

Beruflicher Stress, Termine nach Feierabend und ganz alltägliche Pflichten lassen es nicht immer zu, ein Kind ganztägig zu beaufsichtigen. Trotzdem ist es möglich, einen gewissen Einfluss auf das Onlineverhalten der Kids zu nehmen.

  1. Legen Sie klare Onlinezeiten fest. Es gibt mittlerweile Software, die den Computer nach Ablauf der eingegebenen Zeit herunterfährt. Sichern Sie den Rechner mit einem Passwort, so dass erneutes Einloggen nicht möglich ist.
  2. Zeigen Sie Interesse am Spiel des Kindes. Lassen Sie sich erklären worum es dabei geht und welche Funktion Ihr Sprössling darin hat.
  3. Fragen Sie Ihr Kind nach anderen Vorlieben, abseits vom Computer, und versuchen Sie diese zu verwirklichen. Melden Sie es zum Beispiel in Sportgemeinschaften an, bei Tanzvereinen oder auf einem Reiterhof.
  4. Stellen Sie eine Vertrauensbasis her, so dass Ihr Kind Ihnen offen sagt, welches Spiel es jetzt gern spielen möchte. Nach Abklärung der Altersbeschränkung und des Inhalts obliegt es dann Ihnen, dem zuzustimmen oder nicht.
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